Podcast zum Film Metanoia: „Jeder hat seine Lockdown-Story – das ist unsere“

Es ist Ende Februar/Anfang März, ein großer Unbekannter mit dem Namen „SARS-CoV-2“ hat sich über die Alpen mittlerweile auch nach Tirol herangepirscht. Es gibt viele Gerüchte und Szenarien, was es mit dem Corona-Virus so auf sich hat. Noch weiß aber niemand genau, wie man damit umgehen soll – auch die Politik nicht. Die Aussagen schwanken zwischen „wie eine Grippe“ und „verheerende Pandemie“.

Noch bevor es zu den ersten konkreten Maßnahmen kommt, brechen einige Mitglieder des Freeride-Kollektivs Mountain Tribe auf, um ihren seit längerer Zeit geplanten Film zu shooten. Als Location dient eine alte Grenzhütte am Timmelsjoch zwischen Österreich und Italien. Beim Aufstieg ist noch alles locker und entspannt, doch dann werden jene Verschärfungen im Alltagsleben verordnet, die auch vor der Einsamkeit der abgelegenen Hütte nicht Halt machen.

In Ausgabe 15 unseres Podcasts #offpisteonair erzählen zwei Akteure des Films, wie sie das Ganze erlebt haben und was sie mit der Produktion „Metanoia“ zeigen wollen. Vali Werner-Tutschku kommt ursprünglich aus Oberösterreich und fährt sensationell Ski. Er lebt seit ein paar Jahren in Innsbruck, wo er Sportmanagement studiert und Freeride-Filme produziert. Paul Schweller ist Regisseur (gemeinsam mit Florian Gassner) und Kameramann des Films. Er stammt aus München und hat dort 2019 sein Abitur gemacht.


Hier ein paar Auszüge aus dem spannenden Talk (nicht in der Reihenfolge, wie sie im Podcast passieren). Den Podcast gibt es an dieser Stelle zu hören.

Vali und Paul über ...

… den Mountain Tribe:

Vali: Wir sind nur zwei einer ganzen Truppe. Da fehlen einige, Florian Gassner, der Kopf der Bande. Dann Lukas Mühlmann und Manuela Mandl - die bei diesem Projekt leider beide verletzt waren. Dazu noch Martin Kogler und Moritz Ablinger. Dieses Mal war auch Andi Jenewein dabei, der ebenfalls eine Bereicherung war. Jedenfalls haben wir vor zwei Jahren unter diesem Namen begonnen, Filme zu machen.


Vali bei seiner liebsten Tätigkeit. Foto: Moritz Ablinger

… was die Truppe zum Tribe macht:

Vali: Kennengelernt haben wir uns übers Contest-Fahren. Wir sind alle ziemlich im gleichen Alter. Was uns verbindet, ist die gemeinsame Liebe zum Berg. Das Ganze wollen wir für andere Leute darstellen, die vielleicht nicht so berg-affin sind, die sich aber trotzdem an dem erfreuen, was wir so machen.

… den ursprünglichen Plan:

Vali: Ursprünglich sollte der Film anders werden. Die Planung begann schon vor ein einhalb Jahren. Dass wir aber genau die Woche erwischen, wo die Situation mit Corona über Italien immer nähergekommen ist, war nicht so geplant. Und natürlich ist alles nicht spurlos an uns vorbeigegangen und wir mussten damit umgehen.

Paul: Wir haben im Herbst schon Holz und Equipment auf die Hütte raufgebracht, das wir lagern konnten: Weil wir so nah an der Grenze zwischen Österreich und Italien waren, wollten wir etwas mit Grenzen machen: Grenzen der Freundschaft. Aber wir wollten auch die Freundschaft zwischen Passeiertal und Ötztal darstellen.

… eine gefährliche Situation beim Aufstieg:

Paul: Wir hatten im Oktober nicht das ganze Zeug hinaufbringen können. Deshalb hatten wir zwei Transportschlitten dabei, die wir vom Skigebiet in Obergurgl über einen Kamm hinüberbringen und dort abseilen mussten. Und das ist uns schon beim Hochbringen der Schlitten des Fixierungsstands ausgerissen. Da sind dann auf einmal die Schlitten abgehauen und der Mascht (Anm.: Martin Kogler) ist noch im Seil gehangen. Aber zum Glück ist nichts passiert. Aber da war schon einmal Diskussion, ob wir das Projekt überhaupt weitermachen oder ob wir da schon abbrechen.


Vali: Ob das vielleicht schon ein Wink von irgend etwas Externem war, um zu zeigen: „Jetzt habt’s noch einmal eine Chance. Wie tut’s jetzt?“ Dann haben wir noch einmal alles besprochen direkt am Kamm, ob wir über die Bankerrinne absteigen. Wir haben uns dann entschlossen, dass dem Projekt nichts im Weg steht. Dann haben wir mit Volldruck daran gearbeitet, dass wir die Schlitten runter und zur Hütte bringen.

… Corona als große Unbekannte Anfang März:

Paul: Wir haben viel diskutiert im Vorhinein. Und als wir gestartet sind, gab es noch keinen Hinweis auf einen Lockdown oder so. Wir hatten das schon länger geplant und haben uns von ein paar Fällen in Österreich erst einmal nicht einschränken lassen. Wir waren uns natürlich bewusst, aber wir haben nie gesagt: „Wir machen das nicht.“ Unsere Sicht auf Corona war damals einfach noch lockerer.


Vali: Es war die große Ungewissheit, wo noch keiner gewusst hat, was in den nächsten Wochen und Tagen passieren wird. Das ist natürlich nicht an uns vorbeigegangen. Wir haben täglich überlegt, ob wir es machen sollen. Zwei Tage vor dem Start haben wir schließlich die Entscheidung getroffen, dass wir es machen. Und wir stehen immer noch hinter dieser Entscheidung. Es war auch eine gute Zeit da oben. Aber alles, was genau in dieser Zeit passiert ist, wo niemand etwas genau wusste, war ein Faktor, wo wir gesagt haben: „Bis zu einem gewissen Grad kann man gehen, aber dann muss die Vernunft siegen und wir steigen jetzt ab.“ Nach fünf erlebnisreichen Tagen. Was nur die Hälfte von dem war, was wir geplant hatten.

Die Themen Freundschaft und Vertrauen spielen eine wesentliche Rolle im Film - hier Flo Gassner (weiße Haube) und Andi Jenewein. Foto: Moritz Ablinger

… die finale Entscheidung:

Paul: Es gab jetzt nicht die eine finale Entscheidung. Es gab immer wieder Diskussionen alle paar Tage und Stunden, wo wir uns gefragt haben: „Müssen wir jetzt abbrechen?“ Wir haben auch nicht gesagt: „Wir ziehen das jetzt durch, egal was passiert.“ Sondern es waren immer wieder Diskussionen. Das merkt man auch im Film, wie wir da agieren. Wir waren eigentlich überfordert, so etwas hat es ja noch nie gegeben. Wir wussten da oben nicht, wie wir damit umgehen und was jetzt wirklich unten im Tal abgeht.

… den Begriff Metanoia:

Vali: Das Wort steht für die Entwicklung einer neuen Sichtweise auf verschiedene Dinge. Was wir mit dem Zuseher ja gemeinsam haben, ist die Story dieser Zeit. Jeder hat seine Corona-Story, seine Lockdown-Story. Man kann im Film sehen, was diese Metanoia, dieser Sinneswandel mit uns macht.

… die Learnings aus dem Projekt:

Paul: Es gibt zwei Sachen, die man daraus lernt. Einmal als Gruppe. Es hat uns sehr viel weitergebracht, dass wir über Sachen diskutieren und die Meinung von allen respektieren. Das hat uns sicher zusammengeschweißt. Und für mich persönlich hat es meine Sicht auf Corona geändert. Am Anfang haben es viele Leute ähnlich locker genommen wie wir. Aber durch den Lockdown und dass wir da oben waren, hab ich Corona dann viel ernster genommen als viele meiner Freunde, die „nur den Lockdown“ hatten.



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