Andreas Køhn: „Ich habe mich noch nie so allein auf der Welt gefühlt"


Andreas Køhn bei der Verleihung des POW Film Awards auf den norwegischen Lofoten. Foto: POW Norge

Sein Film ist eine echte Bereicherung und wurde vor wenigen Tagen mit dem POW Film Award presented by Freeride Filmfestival ausgezeichnet. Der Film zeigt einerseits, was es bedeutet, tagelang ohne Begleitung unterwegs zu sein. Und andererseits, dass man auch mit reiner Muskelkraft zu feinen Freeride-Touren in entlegenen Gegenden gelangen kann.


Andreas Køhn aus Norwegen ist mit dem Mountainbike zu verschiedenen Bergen seines Heimatlandes aufgebrochen. Das Ergebnis ist ein ebenso prickelnder wie selbst-ironischer Abenteuerfilm: Billøs/Carless (auf Deutsch: Sorglos/Autolos), der bei der FFF Worldwide Show am 17.12.2020 um 20 Uhr mit im Programm ist.

Im Interview lässt uns der ehrlich erdige Einzelgänger wissen, woher sein Antrieb kommt, warum sich bei ihm Einsamkeit und Sturheit aufeinander reimen und wie es sich anfühlt, wenn man über einen zugefrorenen See radelt und das Eis darunter zu krachen beginnt.


FFF: Gab es einen bestimmten Moment, wo du entschieden hast, aus deinen Erfahrungen einen Film zu machen? Oder war das mehr ein Prozess?

Andreas Køhn: In meiner ersten Saison hab ich keine einzige Sekunde gefilmt – weder beim Ski- noch beim Radfahren. Ich hab nur Fotos gemacht und einen Artikel für ein Skimagazin geschrieben. Aber ich wollte mehr von meinen Ski- und Bike-Abenteuern teilen. Darum hab ich mir vor der zweiten Saison eine neue Kamera, eine Drohne und meine erste GoPro gekauft.

Du verbringst viel Zeit ganz allein in den Bergen. Was macht für dich den Reiz dieser Einsamkeit aus?

Wenn ich allein bin, kann ich alles in meiner Geschwindigkeit tun. Ich fahre die Lines, die ich will, und gerate nicht in Diskussionen, wer als erster in den Hang darf.

Wie viele Tage hast du in den vergangenen zwei Jahren mit Skifahren und Reisen verbracht?

Um das klarzustellen: Der Film wurde 2018 gedreht und ich war nur bis zum Sommer 2018 ein Vollzeit-Radfahrer. Dann wurden meine Räder gestohlen. Ganz ehrlich, ich hab keine Ahnung, wie viele Tage ich im Winter draußen verbracht habe. Ich führe keine Aufzeichnungen über Skitage oder Höhenmeter. Das interessiert mich nicht.

Es gibt ein paar sehr eindrucksvolle Szenen im Film, zum Beispiel die, wo du über einen zugefrorenen See radelst und man das Eis unter dir krachen hört. Was ist dir in dem Moment durch den Kopf gegangen?

Ich habe mich noch nie so allein auf der Welt gefühlt wie bei den ersten lauten Geräuschen vom Knacken des Eises. Ich stellte mir genau vor, was ich zu tun habe, wenn das Eis wirklich bricht. Nur um mental darauf vorbereitet zu sein, wenn die Kacke voll am Dampfen ist.

Und wie hast du die Szene gefilmt?

Für die Shots auf dem Eis hab ich hauptsächlich mit einer Drohne gearbeitet. Blöderweise hat mein Telefon nicht funktioniert und ich konnte nicht sehen, was ich tatsächlich filmte. Ich hab die Drohne einfach über mir kreisen lassen und gehofft, dass die Bilder von mir beim Radfahren im Rahmen sind. Und es ist alles recht gut ausgegangen.

Wie viel Unterstützung hast du von anderen Kameramännern und Freunden erhalten?

Ein Freund hat mich einen Tag lang gefilmt – für einen Video-Report einer Zeitung. Das Material von diesem einen Tag hab ich bekommen. Ich hatte kein Budget für den Film, deshalb war es schwierig, einen Kameramann zu finden, der mich begleitet. Daher hab ich alles andere selbst gefilmt.

Du setzt nur deine Muskelkraft ein, um an all diese Plätze zu gelangen (ausgenommen einen Trip mit der Fähre). Wie wichtig ist Nachhaltigkeit für dich? Und welche Botschaft möchtest du an die Wintersport-Community und die Welt senden?

Natürlich ist mir Nachhaltigkeit wichtig, aber ich lasse davon nicht mein ganzes Leben diktieren. Ich reduziere so viel, ich kann. Wenn ich wo mit dem Rad hinkomm, großartig. Wenn nicht, geht es vielleicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder gemeinsam mit Freunden. Ich mag mich da nicht aufspielen und mit dem Finger auf andere zeigen. Wenn ich mit meinen Aktionen einen Menschen inspiriere, dass er zweimal über die Auswirkung seiner Handlungen auf die Welt nachdenkt und die Möglichkeit dazu in seinen heimischen Bergen erkennt, dann bin ich rundum zufrieden.

Beschäftigst du dich damit, Initiativen wie „Fridays For Future” oder „Extinction Rebellion” zu unterstützen? Oder ziehst du lieber dein eigenes Ding durch.

Ich möchte auf keinen Fall etwas Schlechtes über diese Initiativen sagen, weil sie wirklich einen großartigen Job machen. Aber ich genieße es tatsächlich mehr, wenn ich in meiner kleinen, schrägen und halb-nerdigen Rad-Ski-Blase herumrolle.

Was war das Wichtigste, das du während dieser Zeit über dich und das Leben im Allgemeinen gelernt hast?

Ich hab gelernt, dass ich sturer bin, als ich gedacht hab. Und dass ich immer unterschätze, wie viel Essen ich brauche – bei langen genauso wie bei kurzen Trips. Ich hab gelernt, wie stark ich mit wenig oder ohne Essen zurückschrauben muss – und das geht mir auf den Geist.

Wie waren die ersten Reaktionen auf deinen Film?

Zuerst ist immer jeder extrem begeistert davon und dann stellen alle die gleiche Frage: „Warum fährst du nicht mit dem Auto?"

Welche Pläne hast du für den kommenden Winter? Wirst du weiter zu den Skidestinationen radeln?

Vor zwei Jahren bin ich auf die Lofoten gezogen und plötzlich musste ich jeden Tag 40 Kilometer in die Arbeit pendeln. Damit mir weiter genug Zeit fürs Skifahren, Surfen, Klettern und andere gute Sachen bleibt, hab ich mir ein Auto gekauft. Daher bin ich kein Vollzeit-Radfahrer mehr. Ich fahre immer noch mit dem Rad zu einigen Bergen in der Gegend. Außerdem mache ich jedes Jahr zumindest einen langen Trip. Mit meinem Tourenbike hab ich einmal mein Mountainbike 350 Kilometer hinter mir hergeschleppt, um einen 20 Kilometer langen Slickrock-Trail zu fahren.

Vergangenes Jahr hab ich einen Freund zu einem einwöchigen Trip überredet. Wir sind so weit geradelt, bis die Straße geendet hat. Dort haben wir unser Zeug auf einen Schlitten gepackt und sind weiter in die Berge gegangen. Für den kommenden Winter spiele ich mit dem Gedanken, ein See-Kajak mit meinem Rad zu ziehen und so in schwer zugängliche Gegenden zu gelangen.


Filmseite Billøs/Carless

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